Von »Sellemols« bis »es war einmal«

Der 21. Februar 1925 war ein kalter Winter-Samstag. Aber es war ein besonderer Samstag, es war Faschings-Samstag. Der Nickels-Lui und sein Sohn Heiner, der Zimmers-Fritz, der Kreuzers-Heini und noch einige Gesellen des örtlichen Turnvereins machten sich auf den Weg zum Bahnhof, der am Ende der langgezogenen Bahnhofstraße lag.  Den ganzen Tag hatten sie sich schon auf diesen Abend gefreut und so bestieg man gutgelaunt den kleinen Dampfzug, der wie üblich aus fünf Abteilwagen gebildet wurde und von einer gegen die kalte Winterluft anfauchenden T 18 gezogen wurde. Bis in die nahe Stadt waren es nur acht Kilometer, aber der Zug brauchte dafür immerhin 40 Minuten. Dennoch kam man pünktlich am Ostbahnhof an und hatte genügend Zeit für den Weg zum Veranstaltungsort: die TSG hatte zur großen Damen- und Herren-Sitzung geladen und unsere Gesellen waren ganz gespannt, was sie dort erwartet, denn nie zuvor waren sie auf einer großen Faschings-Sitzung gewesen.

Und es wurde ein fröhlicher und bisweilen auch feuchter Abend. Schon bei der Heimfahrt in den frühen Morgenstunden wurde beschlossen: „Das können wir auch“ und bei der nächsten Vorstandssitzung des Turnvereins wurde das Projekt „Faschings-Sitzung 1926“ erörtert.

Im Laufe des Jahres 1925 arbeitete man an verschiedenen Programmpunkten: Büttenredner sollten gereimte Vorträge schreiben und eine Damen-Garde aus Turnerinnen studierte eine Tanzdarbietung als Hawaii-Mädchen ein. Es wurde eine ´Jazz-Kapelle aus Honolulu´ gegründet, deren Mitglieder unter anderem Fritz Zimmer und Heinrich Kreuzer waren und Fritz Ewald brachte seiner Katze verschiedene Kunststückchen bei und sogar eine dressierte Ziege sollte zum Programm gehören.

Und tatsächlich: pünktlich zu Fasching 1926 stand das Programm. Die Aufführung stieg im größten Saal des Ortes, der gemäß der angeschlossenen Gaststätte „Sonnensaal“ hieß und jeder im Ort war gespannt, was da wohl geboten wurde. Doch der Turnverein hatte vor die Neugierde einen Preis gesetzt: 50 Reichspfennig waren zu entrichten, um dem Spektakel beiwohnen zu dürfen.

Trotz des stolzen Preises war die Veranstaltung ausverkauft und man bekam schließlich einiges geboten: die dressierte Katze verlor ob der großen Zahl an Zuschauern die Nerven und büxte aus und auch sonst gelang lange nicht alles so, wie sich das die Veranstalter gewünscht hätten, aber der von Ludwig Nicolay geleitete Abend war ein Riesen-Erfolg.

So – oder so ähnlich – könnte es sich zugetragen haben, in jener Zeit um das Jahr 1926 mit der ersten Faschings-Sitzung in Roßdorf. Sie mag ein großes Stück weit Ausdruck des Zeitgeistes der 20er Jahre gewesen sein, vielleicht schon politisch-kritisch, bisweilen auch albern, aus heutiger Sicht betrachtet streckenweise absurd, aber sie traf den Nerv der Menschen im Ort und so gab es auch in den folgenden Jahren Faschings-Sitzungen.

Genaueres zu den Inhalten weiß man leider nicht, da weder Bild- noch Filmaufnahmen gemacht wurden und auch sonst nichts Schriftliches mehr den Krieg überstand. Einige Bruchstücke und Namen sind überliefert, vieles stammt vom Hörensagen, Zeitzeugen sind längst verstorben und der Rest der kleinen Geschichte oben entstammt meiner Fantasie.

Heute – fast 100 Jahre später – wird immer noch Fastnacht in Roßdorf gefeiert – längst nicht mehr mit Jazz-Kapellen oder dressierten Tieren (in den 70er Jahren hatte es noch einmal ein Huhn auf die Bühne geschafft: auf PAT´s Kopf war es Teil seiner Büttenrede).

Die Fastnacht ist heute viel moderner geworden, um gegen Fernseh-Comedians und Internet-Spaßvögel bestehen zu können. Die Kunst dabei ist es, das Traditionelle wie Gardetanz in Uniformen und Vorträgen mit Spitzen gegen ´die da oben´ zu bewahren, ohne in der Zeit stehenzubleiben oder gar aus ihr herauszufallen.

Verfasser dieses tollen Rückblicks in die Vergangenheit ist unser ehemaliger Sitzungsvizepräsident Christian Schwarz.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner