Weihnachten & die Gardeuniform

Ronja war schon ganz aufgeregt. Dieses Weihnachten würde das erste sein, dass die Fünfjährige bewusst wahrnehmen sollte. Das fast abgelaufene Jahr war sehr spannend gewesen: die neuen Freundinnen in der Kindergartengruppe, der schöne Sommerurlaub mit Mama und Papa und dem kleinen Bruder an der Nordsee in Sankt Peter-Ording und vor allem war sie seit Sommer ein „Konfettifetzer“, eine Tänzerin der neugegründeten kleinsten Garde beim RCC. Das war eine ganz spannende Erfahrung: das wöchentliche Training mit den anderen Kindern, um einen Tanz einzustudieren und vor allem das Auftreten auf einer Bühne versprach eine spannende Sache zu werden. Die beiden Trainerinnen hatten den Kindern schon viel erzählt, was eine Fastnachtssitzung ist und wie so ein Auftritt abläuft. Mit dem Karneval hatte sich für Ronja und den anderen Kindern eine ganz neue Welt aufgetan.

Die erste Veranstaltung, die sie als Zuschauer wahrnahmen, war die Inthronisierung des neuen Prinzenpaares im November. Das war natürlich alles unglaublich riesig: die Bühne so hoch, die Musik so laut, die vielen Menschen, vor allem die merkwürdigen Männer mit den eigenartigen Kappen auf dem Kopf, und das Prinzenpaar in den schicken Kostümen. Alles war so seltsam neu und doch so spannend, aber am meisten war Ronja vom Auftritt der Prinzengarde beeindruckt: den vielen Tänzerinnen, die im Gleichschritt und in immer wieder wechselnden Formationen auf der Bühne tanzten – und das in wundervollen Kostümen. Die blau-weißen Gardeuniformen, die mit Pailletten besetzt im Licht funkelten wie tausend Sterne, und die schicken dreieckigen Hüte, die auf den blondgelockten Perücken saßen. Ronja war so fasziniert von diesem Gardetanz, dass sie ihren Eltern zu Hause noch lange davon vorschwärmte.

Nach einem trüben November kam der Dezember, mittlerweile war es Advent in Roßdorf geworden und ihre Eltern wüssten nur zu gerne, was Ronja sich vom Christkind wünscht. Nur, das war gar nicht so leicht aus ihr herauszubringen und so griffen sie zu einer List: da Ronja für ihr Leben gerne malte, fragten sie ihre Tochter, ob sie dem Christkind nicht ein schönes Bild malen würde, ein Bild, auf dem sie dem Christkind ihren größten Wunsch zu Weihnachten mitteilen könne.

Und so begann Ronja zu malen, immer wieder wechselte sie die Buntstifte und zeichnete angestrengt, leckte sich dabei von Zeit zu Zeit über ihre Lippen, um abermals den Buntstift zu wechseln. Ihre Eltern beobachteten sie gespannt von einiger Entfernung, wollten neugierig einen Blick auf das Kunstwerk werfen, trauten sich aber nicht näher heran um ihre Tochter, die völlig gedankenversunken malte, nicht zu stören.

Nach einiger Zeit legte die Kleine plötzlich den Stift beiseite, nahm das Blatt hoch, stand auf und lief freudig zu ihren Eltern. „Das wünsche ich mir zu Weihnachten vom Christkind…“

Die Eltern schauten zuerst auf das Blatt Papier, dann sich gegenseitig fragend an und rangen sich ein Lächeln ab und die Mutter sagte dann: „Sehr schön, das werden wir dem Christkind schicken, damit es dir den Wunsch am Heiligen Abend erfüllen möge.“

Als Ronja schon lange in ihrem Bett lag, rätselten die Eltern immer noch über das Bild: „Das da könnte eine Wolke sein, unter dem Dreieck…“ „Und was stellt das Dreieck dar?“ „Keine Ahnung, aber das da unten ist ein Stiefel…“

Der „Tatort“ war bereits zu Ende, da kam der Mutter die Idee: „Du, das was da wie eine Wolke aussieht, könnte auch eine Perücke sein, mit einem Dreispitz darüber, und das da, was wie ein Nikolaus-Mantel aussieht, könnte auch eine Gardejacke mit Rock sein… und das sind die Stiefel dazu.“ So wurde den Eltern schnell klar: Ronja wünscht sich eine Gardeuniform.

Noch zwei Wochen bis Heiligabend, Eile war geboten! Schnell wurde Kontakt zum Vorstand des RCC aufgenommen, wie eine solche Uniform auszusehen hatte, welche Farben und in welchem Stil die Jacke und der Rock zu sein hatten. Zum Glück kannte die Mutter eine gute Bekannte, die sich als Hobby-Schneiderin einen Namen gemacht hatte, passende Stiefel konnten über das Gardemanagement organisiert werden, da hier in irgendeinem Kleiderschrank immer irgendwo ein Paar lagerte, aus dem irgendjemand gerade rausgewachsen war, und die Perücke und den Dreispitz bekam man beim Schlegel in Darmstadt. Pünktlich zum Heiligen Abend war alles – quasi „auf den letzten Drücker“ – fertig geworden. Während die Kinder mit der Mutter in der Kirche beim Krippenspiel waren, schmückte der Vater daheim das Weihnachtszimmer. Zunächst den Baum mit den roten Weihnachtskerzen und den goldenen Kugeln, dann legte er die hübsch verpackten Geschenke für Ronja und ihren Bruder unter den Baum, stellte eine Schale mit ausgestochenen Butterplätzchen bereit, denn die Kinder mochten die so gerne wegen der vielen verschiedenen Formen, und – ganz am Schluss – drapierte er die Gardeuniform kunstvoll mit Hilfe eines Stuhls vor dem Weihnachtsbaum. Alles schien perfekt und er freute sich ganz besonders auf den Moment, wenn Ronja die funkelnde Uniform erblicken würde.

Endlich war der Zeitpunkt gekommen, die Kinder hüpften aufgeregt auf der Stelle, als der Vater vor der noch geschlossenen Wohnzimmertür geheimnisvoll das kleine Glöckchen klingelte und verkündete, dass das Christkind da gewesen sei. Dann öffnete er langsam die Tür und die Kinder blickten mit großen Augen in das nur von den Kerzen am Baum erhellte Wohnzimmer. Während ihr kleiner Bruder noch etwas skeptisch blickte und schüchtern von der Mutter vorgeschoben werden musste, rannte Ronja sofort los, um alles in Augenschein zu nehmen: den prachtvoll geschmückten Baum, die Päckchen unter dem Baum mit den bunten Schildchen, auf denen die Namen standen, die sie aber noch nicht lesen konnte, und natürlich auch die schöne Gardeuniform, die sie fast beiläufig berührte. Dann lief sie zum Wohnzimmer-Tisch, auf dem die Schale mit dem Buttergebackenen stand und griff einige der Plätzchen heraus: „Ein Stiefel, und das ist eine Wolke … und dass eine Nikolaus-Mütze…“, verkündete sie, während sie das entsprechende Plätzchen hochhielt. Da wurde ihren Eltern schlagartig klar: es war gar keine Uniform, die Ronja da von zwei Wochen gemalt hatte, es waren die Formen der Butterplätzchen, die sie so liebte – ihr größter Wunsch zu Weihnachten waren einfach nur Butterplätzchen!

Bleibt mir noch nachzutragen, dass natürlich die Uniform der Clou unter allen Geschenken an diesem Abend war und Ronja sich umso mehr aufs Tanzen freute.

Wir vom RCC wünschen allen Bürgerinnen und Bürgern von Roßdorf – und vor allem den Kindern – ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Auf das wir, allen Widrigkeiten dieser Tage zum Trotz, bald wieder Fastnacht feiern können und uns an den Darbietungen der Närrinnen und Narrhallesen des RCC erfreuen können…

…insbesondere – wie die kleine Ronja – an den Gardetänzen und den schönen Uniformen.

Christian Schwarz

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